Am Samstag schrieb mir ein Münchner Journalistenfreund eine Nachricht: Ob ich nachmittags schon was vor hätte. Hatte ich nur so halb, also erkundigte ich mich nach dem Grund der Nachfrage. Als Antwort kamen zwei klitzekleine Nachrichten, eine davon nicht mal ein richtiges Wort, und doch drückten diese vierzehn Buchstaben den gesamten verzwickten Charakter dieses Wochenendes aus:


“Hbf”, schrieb er. Und wenige Sekunden später:

 

“Flüchtlinge”.

 

Es bedurfte keiner weiteren Worte und keiner Absprachen, nur eine Uhrzeit machten wir noch aus.

 

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Mein Kollege hatte einen konkreten journalistischen Auftrag, ich hatte zum Glück keinen. So konnte ich mich unter die Jubelnden mischen, konnte mich mit ihnen freuen, konnte mit ihnen das Bild prägen, das internationale Medien mit einem ganz neuen Germanismus in die große weite Welt tragen sollten: Willkommenskultur.

 

Und dann war da noch Mr. Merkel. Der Mann, der ein zerknittertes Poster der Kanzlerin mit sich trägt, tausend Mal gefaltet, tausende Schritte weit getragen. Der Mann, den das ZDF schon in Wien gefilmt hat. Der Mann, dem ein kleiner Junge vorausgeht, gehüllt in eine Europafahne. Mr. Merkel steigt wenige Meter vor mir aus seinem train of hope, der Reuters-Fotograf fängt ihn ein. Ich fange ihn ein. Wenig später, nach dem medizinischen Screening, wird ihn auch noch der SZ-Fotograf einfangen. Dann steigt Mr. Merkel in einen Bus und fährt Richtung Registrierung.

 

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Ich werde ihn an diesem Abend noch häufiger sehen. Er begegnet mir im heute-journal, auf verschiedenen Nachrichtenseiten und in jeder zweiten Tageszeitung. Immer an leicht verschiedenen Orten, die Berichterstattung erzählt stückweise von seinem Weg.

 

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Screenshot aus dem heute-journal: Mr. Merkel in Wien.

All die kleinen Fragmente zusammen ergeben eine Geschichte, ein einziges Schicksal von 20 000, die in diesen zwei Tagen in München zusammenkommen. Mr. Merkel erinnert daran, dass sie und alle, die ihnen noch folgen werden, keine unkontrollierte Welle sind. Sondern Menschen mit einem Ziel, die einen Fuß vor den anderen setzen, unermüdlich, Bahnhof für Bahnhof. Gerne wüsste ich, was nun mit diesem Mann geschieht. Vielleicht sehe ich ihn noch einmal wieder, in Wochen oder Jahren, im Fernsehen oder im Supermarkt.

 

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Martin Kaul schildert seine Erfahrungen aus Budapest in der taz mit den Worten “Man konnte Keleti zwar noch als Journalist betreten, aber nur noch als Mensch verlassen“. Eine ähnliche Wirkung hatte vergangenes Wochenende wohl der Starnberger Flügelbahnhof, doch auf die allerschönste Art und Weise.