Als ich klein war, hat meine Oma mich mal auf eine klassische Werbefahrt für ältere Damen mitgenommen, da war ich wohl die einzige Teilnehmerin unter 60. Heute sitzen, ähnlich isoliert, vier ältere Semester im Vorderteil des Fernbusses nach München: zwei ondulierte Omis mit ihren angetrauten Glatzengatten. Hinter ihnen einige leere Reihen, dann beginnt die übliche Mischung aus Studenten, Rucksackreisenden und Bahnabtrünnigen.

Mir wird in Bussen sehr schnell übel, deswegen sitze ich gern recht weit vorne. Die weißere Dauerwelle dreht sich ganz erschrocken um, als ich mich – sämtliche Generationengrenzen ignorierend – gleich schräg hinter ihr niederlasse. Auf der Ablage vor den Senioren, einem der vielen Privilegien des Erste-Reihe-Sitzers, liegt die Süddeutsche. Ich habe die heutige Ausgabe schon seit gestern Abend auf meinem Tablet, diese hier ist aus Papier. Man muss ja nicht gleich alles mitmachen.

Vor etwa einem Jahr fragte mich an einem ähnlichen Busbahnhof eine ähnlich alte Dame, woher man denn diese Fahrkarten bekäme. „Im Internet“, sprudelte ich hilfsbereit heraus. Ihr ratloser Gesichtsausdruck verriet, dass ihr damit kein bisschen geholfen war. “Ooh, öoh, ich bin mir sicher, dass das auch irgendwie anders geht, da gibt’s bestimmt eine Telefonnummer oder sowas“ – vergeblich suchte ich die ausgehängten Fahrpläne ab – „oder vielleicht ein Reisebüro“ – ihr Gesichtsausdruck wandelte sich zu schierer Skepsis – „auf jeden Fall können Sie auch zur Post gehen! Aber die fährt leider nur in die Nachbarstadt…“

Jetzt, ein gutes Jahr später, ist dieses Verkehrsmittel sehr viel zugänglicher geworden. Seit der großen Fernbusfusion gestaltet sich der Markt übersichtlicher, einheitliche Buchungssysteme und Telefonnummern wurden eingerichtet, Werbung findet sich nicht mehr nur im Internet. Die Rentner in der ersten Reihe machen, was sonst niemand im Fernbus macht: Sie lesen Zeitung. Sie schnallen sich an. Sie kaufen beim Fahrer überteuerte Erdnüsse in Miniaturtütchen. Sie tasten sofort nach dem Leselichtschaltern, als am frühen Abend die Deckenbeleuchtung ausgeht. Um dann weiterhin das Bordmagazin zu studieren, während der restliche Bus vom Schein der Smartphones hell erleuchtet bleibt. Und, am erstaunlichsten: Sie reden. Miteinander.

Dreißig Kilometer vor München klingelt mein Handy. Ein Freund, der mich am Busbahnhof abholen wird, erkundigt sich nach der Verkehrslage und danach, wo ich zu Abend essen möchte. Die Konversation dauert keine zwei Minuten, doch die weiße Dauerwelle dreht sich dreimal empört um und wirft dabei mit bösen Blicken. Beinahe beschämt beende ich das Gespräch und drücke auch den nächsten Anrufer weg. Eine Notfallmaßnahme, die ich normalerweise nur in Hörsälen und Kirchen ergreife. Aber der Friede im Fernbus geht vor.

Die Generation unserer Großeltern hat das Fernbusfahren entdeckt. Das ist gut so. Weil es nur gerecht ist, wenn jede Altersklasse Zugang zum erschwinglichem Fernverkehr bekommt. Weil sie den Aufenthalt an Bord ein wenig würdevoller werden lassen. Und weil jeder Rentner, der nicht Zug fährt, die Deutsche Bahn zu einem besseren Angebot herausfordert.